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Ist Selbstfürsorge egoistisch? Was Achtsamkeit darüber lehrt?

vor 3 Tagen
5 Min. Lesezeit

„Ist Selbstfürsorge nicht eigentlich egoistisch?“


Eine Teilnehmerin stellte mir diese Frage in einer unserer gemeinsamen Stunden. Und ich finde, es ist eine wichtige Frage. Denn gerade Menschen, die sich viel um andere kümmern, kennen vielleicht dieses ungute Gefühl: Darf ich mir selbst Zeit nehmen? Darf ich meine Bedürfnisse wichtig nehmen? Oder sollte ich nicht eigentlich für meine Familie, meine Kolleginnen, meine Freundinnen da sein?


Aus Sicht der Achtsamkeit ist Selbstfürsorge nichts Egoistisches. Im Gegenteil: Sie beginnt damit, dass wir uns selbst genauso in den Kreis unserer Fürsorge aufnehmen wie die Menschen, die uns wichtig sind.



Selbstfürsorge beginnt mit Wahrnehmen


Im Alltag funktionieren wir oft einfach. Wir erledigen, organisieren, kümmern uns, arbeiten, sind für andere da. Und manchmal merken wir erst sehr spät, dass wir eigentlich müde sind, angespannt oder schon längst eine Pause gebraucht hätten. Achtsamkeit lädt uns dazu ein, zwischendurch innezuhalten und wahrzunehmen:


Wie geht es mir gerade wirklich?


Was spüre ich in meinem Körper? Bin ich müde oder angespannt? Bin ich innerlich unruhig? Was beschäftigt mich gerade? Und vielleicht auch:


Was brauche ich?


Selbstfürsorge beginnt nicht erst mit der Handlung.

Sie beginnt mit dem Wahrnehmen.



Die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen


Wenn ich wahrnehme, dass ich erschöpft bin, kann der nächste Schritt sein, mir eine Pause zu gönnen.

Wenn ich merke, dass mir etwas zu viel wird, kann Selbstfürsorge bedeuten, eine Grenze zu setzen.

Wenn ich spüre, dass ich Unterstützung brauche, kann sie darin bestehen, jemanden um Hilfe zu bitten.

Dabei bedeutet Selbstfürsorge nicht, jedem Bedürfnis sofort nachzugeben. Achtsamkeit lädt vielmehr dazu ein, innezuhalten und bewusst zu entscheiden – ein Wahl zu haben:


Was ist jetzt wirklich hilfreich für mich?


Manchmal ist das eine Pause. Manchmal Bewegung. Manchmal ein Gespräch. Manchmal Ruhe. Und manchmal auch ein klares Nein.



Freundlich mit sich selbst umgehen


Ein weiterer wichtiger Aspekt der Selbstfürsorge ist die Art, wie wir mit uns selbst sprechen. Vielleicht kennst du diese innere Stimme:


„Du musst dich einfach zusammenreißen.“„Das schaffen andere doch auch.“„Jetzt stell dich nicht so an.“


Wir sind mit uns selbst oft deutlich strenger als mit anderen.

Achtsamkeit eröffnet hier eine andere Möglichkeit. Wir können wahrnehmen, dass es uns gerade schwerfällt, ohne uns dafür zusätzlich zu verurteilen.


„Ah, da ist gerade Überforderung.“

„Das ist im Moment wirklich viel.“

„Was würde mir jetzt guttun?“


Selbstfürsorge bedeutet auch, uns selbst mit Freundlichkeit und Mitgefühl zu begegnen.



Grenzen wahrnehmen und setzen


Ein Nein kann Selbstfürsorge sein. Nicht, weil uns die anderen egal sind. Sondern weil auch unsere eigenen Grenzen wichtig sind. Vielleicht haben wir gelernt, dass wir erst dann „Nein“ sagen dürfen, wenn wir einen guten Grund haben. Oder dass es wichtiger ist, die Erwartungen anderer zu erfüllen als die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Achtsamkeit kann uns helfen, früher zu bemerken:


Hier ist meine Grenze.

Und dann vielleicht den Mut zu finden, sie auch auszusprechen.

Denn die Frage ist nicht:


„Wie viel kann ich noch geben?“


Sondern manchmal:


„Was kann ich geben, ohne mich selbst dabei zu verlieren?“



Selbstfürsorge ist Selbstverantwortung


Selbstfürsorge bedeutet nicht, dass andere für unser Wohlbefinden verantwortlich sind.


Im Gegenteil:

Wenn wir achtsam mit uns selbst umgehen, übernehmen wir Verantwortung für unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Ich kann nicht bestimmen, was andere Menschen von mir erwarten. Ich kann nicht verhindern, dass jemand enttäuscht ist. Ich kann nicht alle Anforderungen des Lebens verändern. Aber ich kann lernen wahrzunehmen, was in mir geschieht – und bewusster zu entscheiden, wie ich damit umgehen möchte. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt von Achtsamkeit:


Nicht alles kontrollieren zu können, aber den eigenen Umgang damit bewusster zu gestalten.



Warum Selbstfürsorge nicht egoistisch ist


Und damit sind wir bei der Frage der Kursteilnehmerin.

Ist Selbstfürsorge nicht egoistisch?

Ich glaube, es hilft, zwischen Egoismus und Selbstfürsorge zu unterscheiden.


Egoismus bedeutet:

Meine Bedürfnisse sind wichtiger als die Bedürfnisse anderer.


Selbstfürsorge bedeutet:

Meine Bedürfnisse sind genauso wichtig wie die Bedürfnisse anderer.


Das ist ein großer Unterschied.


Wenn ich mich selbst dauerhaft zurückstelle, kann das zunächst sehr fürsorglich aussehen. Ich bin immer für andere da, sage selten Nein und stelle meine eigenen Bedürfnisse hinten an.

Doch irgendwann kann der Preis dafür hoch sein: Erschöpfung, Gereiztheit, Überforderung oder das Gefühl, innerlich leer zu sein. Und dann profitieren auch die Menschen um uns herum nicht mehr wirklich davon.



Selbstfürsorge kommt allen zugute


Ich stelle mir Selbstfürsorge manchmal wie einen Akku vor. Wenn ich ständig Energie abgebe, ohne meinen Akku wieder aufzuladen, wird irgendwann nicht mehr viel da sein.

Eine Pause zu machen bedeutet dann nicht:


„Mir sind die anderen egal.“


Sondern:


„Ich sorge dafür, dass ich weiterhin präsent und handlungsfähig sein kann.“


Wenn wir gut für uns sorgen, können wir häufig auch anders für andere da sein.

Wir können besser zuhören.Wir können geduldiger sein. Wir können klarer kommunizieren. Wir können leichter Hilfe annehmen. Wir können Grenzen setzen. Und wir können geben, ohne uns dabei selbst aufzugeben.


Selbstfürsorge ist deshalb keine Abwendung von anderen.

Sie kann die Grundlage dafür sein, anderen wirklich begegnen zu können.

Denn auch ich bin ein Mensch, für den ich Verantwortung trage.



Selbstfürsorge bedeutet nicht immer, dass es angenehm ist


Vielleicht ist das noch eine wichtige Unterscheidung.

Selbstfürsorge bedeutet nicht automatisch, dass ich das tue, worauf ich gerade Lust habe.


Manchmal ist Selbstfürsorge:

„Ich lege mich jetzt hin.“


Manchmal ist sie:

„Ich führe dieses schwierige Gespräch.“


Oder:

„Ich sage heute Nein.“

„Ich bitte um Unterstützung.“

„Ich schaue ehrlich hin, obwohl ich lieber ausweichen würde.“


Achtsame Selbstfürsorge fragt deshalb nicht nur:

„Was fühlt sich gerade gut an?“


Sondern:

„Was nehme ich wahr – und was ist jetzt wirklich hilfreich für mich?“

Das kann manchmal etwas ganz anderes sein als das, wonach mir gerade ist.



Selbstfürsorge kann man üben


Selbstfürsorge ist nicht nur eine Frage des Wissens. Wir können sie tatsächlich üben. Genau das ist ein Schwerpunktthema in meinem Vertiefungskurs MBCL-Kurs – Mindfulness-Based Compassionate Living. Der Kurs verbindet Achtsamkeit mit Mitgefühl und legt ein besonderes Augenmerk darauf, einen freundlicheren und fürsorglicheren Umgang mit uns selbst zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur um theoretisches Verständnis, sondern um konkrete Erfahrungen und Übungen, die uns helfen können, Selbstfürsorge im Alltag tatsächlich zu leben.


Wir üben zum Beispiel, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, schwierigen Gefühlen mit mehr Freundlichkeit zu begegnen und automatische selbstkritische Muster zu erkennen.


Denn manchmal wissen wir längst, dass wir besser für uns sorgen sollten – und tun es trotzdem nicht. Dann braucht es nicht noch mehr Druck. Sondern praktische Übungen und direkte Erfahrungen. Geduld und Mitgefühl mit uns selbst.



Eine kleine Übung für deinen Alltag


Vielleicht magst du heute einmal innehalten. Nicht erst dann, wenn du völlig erschöpft bist. Sondern jetzt.


Spüre für einen Moment deinen Körper. Nimm wahr, wie du gerade sitzt oder stehst. Wie dein Atem fließt.


Und frage dich:

Wie geht es mir gerade – wirklich?

Warte einen Moment – lausche nach Innen.


Und dann:

Was brauche ich gerade?

Und lass die Antwort von alleine auftauchen, lausche und verweile in ihr.


Vielleicht ist sie ganz konkret, wie:

Eine Pause. Ein Glas Wasser. Bewegung. Ruhe. Kontakt. Unterstützung. Ein Nein. Oder einfach ein Moment, in dem nichts getan werden muss.


Vielleicht taucht auch Nichts auf, dann verweile einfach etwas mit dir im nach innen Lauschen.


Und schließlich:

Was wäre ein kleiner Schritt, mit dem ich diesem Bedürfnis heute Raum geben kann?


Es muss nichts Großes sein. Vielleicht ist es nur eine kleine Veränderung. Ein Moment Ruhe, ein Innehalten, ein kleiner Spaziergang.


Und vielleicht ist genau das ein Anfang. Denn Selbstfürsorge bedeutet nicht, mich über andere zu stellen.

Sie bedeutet, mich selbst mit in den Kreis meiner Fürsorge aufzunehmen.

Und das ist nicht egoistisch.


Es ist vielmehr eine Form von Achtsamkeit, Verantwortung und Mitgefühl – für dich selbst und für die Menschen um dich herum.

 
 
 

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